Das Lufttransportgeschwader 62

Das LTG 62 wurde am 1. Oktober 1959 in Celle aufgestellt und verlegte im Januar 1960 mit 18 Luftfahrzeugen des Typs NORATLAS nach Köln-Wahn, bevor es am 1. April 1963 weiter nach Ahlhorn ging. Das damalige Geschwaderwappen des LTG 62 zierte ein weißer Elefant im schwarzen Kreisschild, worauf der liebe- volle Name "Jumbo-Geschwader" zurückzuführen ist. Von Ahlhorn aus nahm das LTG 62 für die nächsten acht Jahre gemeinsam mit seinen Schwesterverbänden LTG 61 in Penzing (Bayern) und LTG 63 in Hohn (Schleswig-Holstein) an zahlreichen weltweiten Lufttransporteinsätzen teil.

Ein weiteres Stück Geschichte wurde am 26. April 1968 auf dem Fliegerhorst Ahlhorn mit der Übergabe der ersten Serienflugzeuge TRANSALL C-160 an die deutsche und französische Luftwaffe geschrieben und damit eine neue Ära des Lufttransportes eingeleitet. Nach und nach erfolgte die Umschulung der Besatzungen auf den neuen Standardtransporter der Luftwaffe. Der TRANSALL fiel es nicht schwer, die Besatzungen schnell für sich einzunehmen. Sie zeigte sich zuverlässig und sicher; sie transportierte Ladungen bis zum vierfachen Gewicht ihrer Vorgänger, war fast doppelt so schnell und konnte 4 Stunden länger fliegen.

Das Jahr 1971 stellte einen erneuten Wendepunkt in der Geschichte dieses Verbandes dar. Mit der Übergabe des Fliegerhorstes Ahlhorn an das Hubschraubertransportgeschwader (HTG) 64 wurde das LTG 62 am 30. September auf Grundlage der damaligen Strukturentscheidung aufgelöst. Dass mit der Auflösungsentscheidung der Name "LTG 62" nicht aus den Geschichtsbüchern verschwinden sollte, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Aber das Bild der deutschen Streitkräfte unterlag einem ständigen Wandel, dem auch die Lufttransportkräfte Rechnung tragen mussten. So wurde gut sieben Jahre nach Auflösung die Flugzeugführer- schule "S" in das neue, heutige LTG 62 umbenannt.

Mit dieser Umgliederung wurde auch "Hans Huckebein" als Wappentier übernommen. Die Wahl dieses Wappentiers soll die Verbundenheit zur Region des Steinhuder Meers besonders unterstreichen. Die verbundenen Augen des Fabelwesens von Wilhelm Busch, der aus dieser Region stammte, stehen symbolisch für den "Blindflug" - also Fliegen aus- schließlich nach Instrumenten ohne Sicht nach draußen - der mit den Transportflugzeugen geübt und praktiziert wird. Beim neuen LTG 62 wurde allerdings nicht nur der Auftrag Lufttransport und Weiterentwicklungen von Material und Verfahren groß geschrieben. Die Ausbildung des fliegerischen Nachwuchses wurde eine der Kernaufgaben dieses Verbandes.

Ausbildung Transall C-160

Die Wiege aller Transportflugzeugführer der Bundeswehr ist die heutige 4. / LTG 62, kolloziert bei der Lufthansa Flight Training GmbH in Bremen, in der als Außenstelle der fliegerische Nachwuchs seine Grundlagenausbildung durchläuft

Während der dortigen, 19-monatigen Ausbildung. werden mit über 1000 Unterrichtstunden und über 100 Flugstunden auf einmotorigen Flugzeugen (Beech Bonanza bzw. Grob 120) die Grundsteine für eine fliegerische Karriere gelegt.

Bevor es für die neugraduierten Flugzeugführer dann nach Wunstorf zur Transall Ausbildung geht, wird die Grundlagenausbildung auf der zweimotorigen Piper Cheyenne IIIA als Nachfolgemuster der veralteten Beech King Air abgerundet. Neben der Ausbildung der Flugzeugführer obliegt dem LTG 62 darüber hinaus die Aus- und Weiterbildung sämtlicher Besatzungsangehöriger Transall C-160.

DO 28

Im November 1970 wurde die erste D0 28 "Skyservant" an die Luftwaffe ausgeliefert. Dieses anachronistisch anmutende Flugzeug, welches nur unter beachtlicher Lärmentwicklung seine Qualitäten zur Geltung zu bringen vermochte, wurde oft zum Stein des Anstoßes der in Fliegerhorstnähe wohnenden Bevölkerung. Neben reinen Flügen zur Zieldarstellung wurde die DO 28 vor allem als Verbindungsflugzeug der Transport- und Jetgeschwader genutzt. In Folge dessen waren durch das LTG 62 auch zahlreiche Flugzeugführer von fliegenden Verbänden der Luftwaffe und Marine in den Ausbildungseinrichtungen in Wunstorf auf diesem Waffensystem auszubilden.

Einsätze

Ein Beispiel für die Notwendigkeit und den Erfolg der Weiterentwicklung stellte die Herstellung eines Feuerlöschrüstsatzes zur Brandbekämpfung aus der Luft dar. Als Mitte der 70er Jahre große Teile der Lüneburger Heide durch Feuer verwüstet wurden, entwickelte man  in Zusammenarbeit mit Brandexperten den Plan, Brände auch aus der Luft mit TRANSALL C-160 zu bekämpfen. Gemeinsam mit der Firma MBB Hamburg wurde ein Feuerlöschrüstsatz entwickelt, der ab dem 6. Oktober 1979 in Zusammenarbeit mit den örtlichen Feuerwehren erprobt wurde. Die erzielten Ergebnisse waren so positiv, dass die Wunstorfer C-160 für die Brandbekämpfung im Sommer 1980 nach Frankreich und Sardinien abkommandiert wurden. Vor dem Hintergrund der hohen Betriebskosten sowie innovativer Brandschutzkonzepte wurde allerdings diese Art der Brandbekämpfung durch die deutschen Lufttransportverbände nach wenigen Jahren wieder eingestellt.

Ständig wiederkehrende Hungersnöte und Flüchtlingsströme sollten die Besatzungen und Techniker-Crews des LTG 62 nicht zur Ruhe kommen lassen. Exemplarisch seien hier Einsätze 1984 bis 1986 in Äthiopien und im Sudan, 1990 im Rahmen der Kurdenhilfe in der Türkei, 1991 in der Golf-Region und in Somalia erwähnt. Allein während der Hilfsaktion in Äthiopien wurden in annähernd 7 Monaten bei 1859 Einsätzen über 15300 Tonnen Ladung und nahezu 2800 Passagiere befördert.

In Anerkennung seiner Leistungen im Rahmen dieser humanitären Hilfe wurde der Verband am 26. September 1986 mit dem Förderpreis der "Hermann-Ehlers-Stiftung" ausgezeichnet.

Im Folgejahr sollte das LTG 62 auch außerhalb des Ausbildungs- und Lufttransportauftrages sein Können und seine Professionalität unter Beweis stellen. So gewann der Verband im April 1987 den internationalen Leistungsvergleich der Lufttransportflieger "Volant Rodeo" in  den USA.

Eine gänzlich neue Qualität der Einsätze galt es ab 1992 mit dem Beginn der Luftbrücke nach Sarajevo zu verzeichnen. Waren die bisherigen Einsätze durch ein zumeist friedlich geprägtes Umfeld gekennzeichnet, so sahen sich die Besatzungen nun einer latenten Bedrohung ausgesetzt. In den Morgenstunden des 4. Juli 1992 startete die erste mit Hilfsgütern beladene C-160 nach Sarajevo. Der Beschuss einer Transall am 6. Februar 1993, bei dem ein Ladungsmeister schwer verletzt wurde, bedingte die Verlagerung des Lufttransportstützpunktes von Zagreb/Kroatien nach Falconara/Italien.

Ergänzend zu den bis zum Januar 1996 andauernden Luftbrückeneinsätzen wurde im Rahmen der Operation "Provide Promise" die Versorgung von Flüchtlingen in Ostbosnien durch Abwürfe von Lebensmitteln aus großen Höhen sichergestellt. Diese Einsätze wurden ausschließlich bei Nacht und von Frankfurt aus geflogen.

Noch bis heute dauern die Unterstützungsflüge in das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien an, sei es im Rahmen von SFOR, KFOR, FOX oder EUFOR. Auch derzeit sind noch Hubschrauberbesatzungen des LTG 62 fest in Toplicane/Kosovo eingebunden. Parallel dazu galt es, in Zusammenarbeit mit den Schwesterverbänden LTG 61 und 63, ab Ende 2001 die Unterstützungsleistungen für Enduring Freedom sicherzu- stellen. Seit Februar 2002 sind Besatzungen und Techniker des LTG 62 gemeinsam mit Kameraden aus den Schwesterverbänden ständig im Einsatzgeschwader Termez zur Unterstützung der ISAF-Schutztruppe und des deutschen Einsatzkontingentes in Afghanistan stationiert.

Zusätzlich konnte im Sommer 2002 die Operation "ARTEMIS" zur Unterstützung der UN-Schutzstruppe "MONUC" in Zentralafrika erfolgreich abgeschlossen werden. Darüber hinaus band die im Jahre 2006 erste EU-geführte Operation in der RD Kongo zur Überwachung von demokratischen Wahlen Personal und Material des LTG 62.

Das LTG 62 im Zeichen der Wiedervereinigung

Die durch die Wiedervereinigung erforderliche Eingliederung der Nationalen Volksarmee der DDR in die Bundeswehr ging insbesondere am LTG 62 nicht spurlos vorüber. So wurden Anfang 1993 die Kräfte der ehemaligen NVA des in Brandenburg-Briest aufgestellten Lufttransportgeschwaders 65, ausgestattet mit den Hubschraubermustern Mi 8 und Mi 2 sowie Teile des Hubschraubertransportgeschwaders 64 Ahlhorn mit insgesamt 34 Hubschraubern BELL UH-1D in das LTG 62 integriert und 1994 zur Lufttransportgruppe LTG 62 am Standort Holzdorf in Brandenburg zusammengeführt. Die LT-Gruppe stellt seitdem von dort aus die Lufttransportaufgaben und den Betrieb von SAR-Kommandos und Rettungs- zentren mit dem Hubschrauber Bell UH-1D sicher.

Nach Schließung des Flugplatzes Ahlhorn im Jahr 1996 fand nur noch die Ausbildung der Hubschrauberbesatzungen im Simulator bis zu dessen Außerdienststellung im Jahr 2004  dort statt. Die fliegerische Ausbildung wurde zunächst nach  Diepholz verlagert, bis auch die Ausbildungsstaffel 2006 nach Holzdorf verlegte.

Zusätzlich ist die CSAR-Kerngruppe als Kompetenzträger für "Combat Search and Rescue" in der Luftwaffe in die 2./ Fliegende Staffel der LTGrp integriert.

So wurde das LTG 62 im Zeitraum von 1993 bis 1996 im Zeichen der Wiedervereinigung zum größten fliegenden Verband der Luftwaffe.

Neben dem Geschwadersitz in Wunstorf bestand der Verband aus fünf ausgelagerten Dienststellen/Teileinheiten in Ahlhorn, Brandenburg-Briest, Bremen, Diepholz und Holzdorf.

Dem Kommodore steht heute neben seinem Stab eine Fliegende, eine Technische und eine Lufttransport - Gruppe mit ca. 700 zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 1200 Soldatinnen und Soldaten zur Wahrnehmung des umfang- reichen Aufgabenspektrums zur Verfügung.

Weiterentwicklung / Ausblick

Die Weiterentwicklung des Waffensystems TRANSALL C-160 war schon in den frühen Jahren des Geschwaders ein Aufgabenpaket, dem eine besondere Bedeutung zukam. Neben der Neuentwicklung und Anpassung bestehender Verfahren, wurde dem Verband die fachliche Begleitung und Einführung einer neuen Navigationsanlage übertragen. Diese Autonome Navigations- und Flugregelanlage (ANA/FRA) ersetzte Anfang der 90er Jahre den Funknavigationsoffizier.

Fast gleichzeitig war Mitte der 90er mit den Einsätzen im Rahmen der Luftbrücke nach Sarajevo der gesteigerten Bedrohungslage Rechnung zu tragen. Dazu wurde im LTG 62 ad-hoc eine ELOKA-Arbeitsgruppe aufgestellt, die für eine schnellstmögliche Beschaffung und Einrüstung einer ELOKA-Schutzausstattung für die TRANSALL verantwortlich zeichnete. Damit einhergehend waren und sind durch das LTG 62 sämtliche Besatzungen in diese neue Ausrüstung einzuweisen und in Übung zu halten. Gleichzeitig ist diese Ausrüstung ständig an neue Bedrohungsszenarien anzupassen.

Insbesondere bei den immer noch laufenden Einsätzen in Afghanistan kommt dieser Aufgabe ein erhöhter Stellenwert zu. Der Einsatz von geschütztem Lufttransportraum in Krisengebiete hat sich zu einem unabdingbaren Kriterium zum Wohle unserer dort eingesetzten Soldatinnen und Soldaten entwickelt.

In der LT-Gruppe in Holzdorf werden zwischenzeitlich die personellen und infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, um das Nachfolgemodell der BELL UH-1D, den NH-90, aufzunehmen und betreiben zu können. Zeitnah ist mit dem Eintreffen der ersten neuen Hubschrauber in Holzdorf und damit verbunden der Aufstellung des neuen Hubschraubertransportgeschwaders NH90 zu rechnen.

Mit der letzten Luftwaffenstruktur und der damit einher- gehenden Stationierungsentscheidung vom 1. November 2004, wird das LTG 62 am Standort Wunstorf ab 2011 als erster Lufttransportverband auf das neue Transportflugzeug A 400 M umgerüstet und auch zukünftig als Ausbildungsverband neben seinen Einsatzverpflichtungen erhalten bleiben.